30.08.2016 | ca. 12 min. Lesezeit | Artikel drucken

WeltSparen Interview mit Stefan Erlich

Stefan Erlich ist Gründer und Redaktionsleiter von Kritische-Anleger.de. Seit 2012 verfolgt „Das Finanzportal für Deutschland“ das Ziel, mit Vergleichen, Test- und Erfahrungsberichten dem konservativen Anleger unabhängige und glaubwürdige Informationen an die Hand zugeben, mit denen er sich schnell informieren und für oder gegen eine Geldanlage entscheiden kann. Neben ausführlichen Vergleichen zu Tages- und Festgeld, bietet Kritische-Anleger.de ausführliche Testberichte und regelmäßige Experteninterviews. Mehr Informationen finden Sie auf Kritische-Anleger.de

 

Hallo Herr Erlich, Sie haben 2012 das Portal Kritische-Anleger.de gegründet. Erklären Sie unseren Lesern doch einmal, was Sie unter einem „kritischen Anleger“ verstehen und was die Idee hinter dem Portal genau ist.

Die Idee zu dem Namen ist irgendwann in 2011 entstanden als mir das erste Mal bewusst wurde, dass auf vielen Vergleichsportalen (nicht nur im Finanzbereich) Angebote fehlen, weil die dahinterstehenden Banken keine Provisionen an die Portalbetreiber zahlen. Konkret ging es damals um die NIBC Direct, die recht attraktive Zinsen bot, aber im Internet kaum zu finden war. Später kam mir dann der Begriff des “kritischen Anlegers” in den Sinn, um auszudrücken, dass wir als Anleger Dinge kritischer hinterfragen sollten, so eben auch die Finanzierungswege der vielen Anbieter und Vermittler im Finanzbereich.

Der „kritische Anleger” ist für mich das Idealbild eines Anlegers, der sich selbst informiert, weiterbildet und die Angebote der Finanzindustrie mit einem gesunden Maß an Skepsis betrachtet. In Deutschland herrscht bei vielen Menschen eine gefährliche Mischung aus fehlender Finanzbildung und dem Glauben an Experten bzw. den Staat. Das führt leider häufig zu schlechten Anlageergebnissen. Mit Kritische-Anleger.de möchten wir aufklären und Anleger dazu ermuntern, sich stärker mit dem Thema zu beschäftigen. Dazu gehört auch, sich selbst kritischen Fragen zu stellen. Ich freue mich daher stets über Zuschriften, in denen mich Anleger fragen, warum wir genau Bank X empfehlen, denn das zeigt mir, dass sich jemand Gedanken gemacht hat.

 

Beißt sich Ihr Anspruch, kritisch über Anlagethemen zu berichten nicht mit Ihrer Finanzierungsform über Provisionen? Solche Modelle haben ja in der Vergangenheit schon häufiger zu Fehlanreizen geführt.

Das ist in der Tat ein wunder Punkt. Hier wurde und wird leider viel Schindluder getrieben. Wir fahren im Tages- und Festgeld-Bereich den Ansatz, alle Angebote im Markt zu listen, egal ob uns Banken dafür Provisionen zahlen oder nicht. Im Crowdfunding-Bereich listen wir derzeit dagegen nur Plattformen, mit denen wir Vermarktungskooperationen haben. Wir haben letzteres erst kürzlich intern diskutiert, denn die Strategie widerspricht eigentlich unserem Ansatz. Allerdings müssen wir eine Balance wahren zwischen dem eigenen Überleben und der unabhängigen Listung aller Anbieter. Im Crowdfunding-Bereich ist aus meiner Sicht ohnehin nicht so entscheidend, aus allen Angeboten das eine richtige zu wählen, sondern über möglichst viele Projekte zu streuen. Mit den aktuell bei uns gelisteten Plattformen sollte das ohne Probleme möglich sein.

Wir versuchen zudem, bei unseren Bewertungen und Empfehlungen auf die Fakten zu schauen und uns nicht von Provisionen leiten zu lassen. Ich würde behaupten, dass wir dies in den letzten Jahren auch sehr gut geschafft haben. Unsere Testberichte sprechen da denke ich für sich. Ob unser Modell so aber dauerhaft funktioniert, muss sich zeigen. Wir haben in den letzten Jahren zum Teil harte Monate durchgemacht, denn je Positionierung der Angebote im Zinsvergleich schwanken unsere Einnahmen sehr stark. Sollte das Modell tatsächlich einmal nicht mehr funktionieren, werden wir das offen kommunizieren, genauso wie wir es in der Vergangenheit mit unserer Suche nach einem alternativen Finanzierungsmodell gemacht haben. Leider hat sich hier bis heute keine tragbare Lösung ergeben, sicherlich auch, weil wir Deutschen es gewohnt sind, für Informationen im Finanzbereich (zumindest direkt) kein Geld bezahlen zu müssen.

 

Wenn Sie heute von Anlegern gefragt werden, wie diese ihr Geld anlegen sollen, was ist dann Ihre Antwort? Nehmen wir z. B. an, Sie würden über 200.000 € verfügen. Wie würden Sie diesen Betrag anlegen?

Das ist eine gern gestellte Frage, auf die es aber keine einfache Antwort gibt, denn die richtige Geldanlage hängt primär von der persönlichen Lebenssituation ab, nicht vom Anlagebetrag. Die Anlageklassen und konkreten Produkte ergeben sich erst, wenn man sich bewusst ist, welche Risiken man absichern will, wie viel Vermögen bereits da ist, wie viel Geld in den kommenden Jahren gebraucht wird und wie viel man selbst noch durch seine Arbeitskraft verdienen kann. So kann es sein, dass es für den einen sinnvoll ist, die 200.000 € auf Tagesgeldkonten zu parken während andere mit einer Kombination aus Festgeld und günstigen Exchange Traded Funds (ETFs) besser fahren.

Wir müssen in Deutschland generell weg vom Produktdenken (“In welches Anlageprodukt soll ich investieren?”) hin zu einer ganzheitlichen und langfristigen Vermögensplanung. Ersteres ist in etwa so als würden Sie mit Stolz Ihr Haus isolieren, gleichzeitig aber in Kauf nehmen, dass es seit Jahren durchs Dach regnet. Es bringt nichts, sich tagelang um die richtige Festgeldanlage zu kümmern, wenn an anderer Stelle jedes Jahr tausende von Euro versacken (z. B. durch teure Investmentfonds) oder man im Beruf nicht weiterkommt. Generell gilt aus meiner Sicht, dass 6 Monate Netto-Gehalt aufs Tagesgeldkonto gehören und alle absehbaren Ausgaben für die nächsten 2-4 Jahre auf ein Festgeldkonto. Für diesen Zeitrahmen und diese eingeplanten Beträge würde ich jegliche Spielereien sein lassen.

 

Schaut man in Ihre aktuellen Finanztipps, dann erscheinen da neben einlagengesicherten Tages- und Festgeldern Crowdfunding-Optionen und sogar Crowdfunding-Empfehlungen; da gab es durchaus ja einige prominentere Pleiten in der Vergangenheit. Wie gehen Sie damit um, dass es dann ja auch in gewisser Weise mit Ihrem Portal in Verbindung gebracht wird, wenn etwas bei der Anlage „schief läuft“?

Crowdfunding ist noch ein junger Markt, obwohl die darunterliegende Anlageklasse eigentlich nichts Neues ist, handelt es sich hier doch um nachrangige Kredite an Unternehmen. Das Risiko würde ich stark vereinfacht mit einer Anlage wie Prokon vergleichen. Verluste sind also deutlich wahrscheinlicher als bei Tages- und Festgeld. Dem muss man sich unbedingt bewusst sein. Wer nicht das oben genannte Polster für bis zu 4 Jahre sicher angelegt hat, sollte gar nicht erst über Crowdfunding nachdenken. Dies betonen wir an vielen Stellen immer wieder.

Zudem sollte man emotional mit Verlusten klarkommen, denn Ausfälle werden kommen. Das ist keine Frage des “Ob”, sondern des “Wann”. Wer seinen Anlagebetrag nicht über mindestens 20-30 Projekte breit gestreut hat, wird früher oder später in die “Prokon-Falle” tappen und Geld verlieren. Hier liegt im Übrigen der große Vorteil und Unterschied von Crowdfunding zu Prokon: Anleger können hier relativ kleine Beträge investieren (teilweise ab 50 €) und über viele verschiedene Projekte und Kreditnehmer streuen. So lassen sich Ausfälle durch die höheren Zinsen kompensieren, zumindest solange die Ausfallrate nicht über einen kritischen Wert steigt.

Generell versuchen wir, die Risiken von Crowdfunding ehrlich und transparent zu kommunizieren. Dazu gehört auch die Warnung, dass Ausfälle und Verluste bei einzelnen Projekten definitiv kommen werden. Ich würde daher behaupten, dass unsere Nutzer besser auf die Zukunft vorbereitet sind als viele Anleger, die konzentriert die Maximalsumme von 10.000 € in ein einzelnes Crowdfunding-Projekt investieren. Das kann man natürlich machen, hat dann aber nichts mehr mit seriöser Geldanlage zu tun, sondern schlichtweg mit purem Glück und Spekulation.

 

Der jährliche Verlust, den Sparer aufgrund der Niedrigzinsen erleiden, geht alleine in Deutschland nach diversen Studien in die Milliarden. Oft wird das Argument bemüht, dass ja auch die Inflation auf einem der niedrigsten Stände seit langer Zeit ist. Wenn man nicht nur auf den Konsumentenpreisindex schaut, sondern Sachvermögen berücksichtigt, ist die Situation nicht mehr ganz so eindeutig. Teilen Sie die Auffassung, dass Deutsche tatsächlich jedes Jahr Milliarden verlieren, oder ist das aus Ihrer Sicht doch eher „Panikmache“?

Ich bin der Meinung, dass diese Zahlen nicht viel aussagen. Es sind letztlich aggregierte Beträge, die als Summe groß klingen, beim kleinen Anleger aber wenig Unterschied machen. Es stimmt, dass die klassische Inflation niedrig ist, gleichzeitig aber die Preise für Sachwerte in die Höhe schießen. Diesen wirtschaftlichen Entwicklungen entkommt man aber nicht dadurch, dass man für ein paar Prozentpunkte die Bank wechselt. Generell gilt: Wer viel Geld hat, hat natürlich auch einen größeren Vorteil, wenn er z. B. über WeltSparen im EU-Ausland sein Geld zu höheren Zinsen anlegt. Bei kleinen Anlagebeträgen übersteigen die Transaktions- und Opportunitätskosten dagegen häufig den Zinsvorteil. Die von Ihnen genannte Aussage taugt daher in vielen Fällen mehr für nette Schlagzeilen denn als Anlageentscheidung. Ohnehin gilt für die meisten Anleger, dass der weitaus größere Hebel für die Vermögensbildung in der persönlichen Arbeitskraft liegt und nicht bei der Wahl des Tages- oder Festgeldkontos.

 

Was antworten Sie Anlegern, die sagen, dass es sich für 1,5 % mehr im Jahr auch nicht lohnt, und die ihr Geld deswegen einfach auf dem Girokonto unverzinst ansammeln?

Das ist durchaus legitim! Für kleinere Beträge macht es aus Renditesicht in vielen Fällen in der Tat kaum einen Unterschied. Bei größeren Beträgen dagegen schon. Die Frage ist aber, ob sich ein separates Tages- oder Festgeldkonto nicht abseits der Renditebetrachtung schon lohnt, weil es die Spardisziplin fördert. Ein Betrag von 5.000 € auf dem Girokonto ist schneller ausgegeben als einer, der für 2 Jahre fest über WeltSparen angelegt ist. Auch hier muss ich aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass bei vielen Anlegern die Spardisziplin das größere Hemmnis für den Anlageerfolg ist, völlig unabhängig davon, wie hoch die Zinsen sind. Insofern ergibt es am Ende durchaus Sinn, nicht alles auf dem Girokonto liegen zu lassen, allerdings aus anderen Gründen als ursprünglich gedacht.

 

Bei vielen Banken ist es bereits Realität, dass ab einem bestimmten Guthaben Unternehmenskunden für Einlagen Strafzinsen zahlen müssen. Erste Banken haben auch den vorsichtigen Schritt hin zu sehr wohlhabenden Privatkunden gewagt. Was ist Ihre Sicht auf Strafzinsen für Einlagen von Privatkunden: unbegründete Sorge oder baldige Realität?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe in den letzten Jahren so viele Prognosen gewagt, die nicht eingetreten sind, dass ich zunehmend skeptisch bin, was solche Einschätzungen angeht – und nicht nur mir geht es bei Vorhersagen so. Spontan würde ich sagen, dass Negativzinsen für Privatkunden noch einige Jahre weg sind. Eher würde ich erwarten, dass die Zentralbanken zu anderen Maßnahmen greifen werden, um ihre Ziele zu erreichen, denn die Medizin der Negativzinsen scheint bisher nicht im gewünschten Maße zu wirken. So oder so müssen wir uns aber auf schlechte Anlagezeiten einstellen. Ob dies Anleger direkt über Negativzinsen trifft oder indirekt über (versteckte) Geldentwertung, ist eigentlich fast schon egal. Einen so unfassbar großen Schuldenberg wie unseren stabilisiert man jedenfalls nicht durch höhere Zinsen. Die bittere Pille werden wir auf die ein oder andere Art wohl leider schlucken müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

 

Ihre Nutzer haben WeltSparen im August diesen Jahres zum besten Anlagemarktplatz Deutschlands gekürt. An welchen Punkten liegt das Ihrer Meinung nach ganz konkret?

Sie haben es mit WeltSparen geschafft, eine wirklich gute Online-Plattform mit einem breiten Angebot an Anlagebanken und sehr gutem Kundenservice aufzubauen. Dafür muss man Ihnen wirklich ein Lob aussprechen, auch wenn ich hier im Sinne des “kritischen Anlegers” eigentlich nicht so sehr Partei ergreifen darf. Vor allem das leidige Steuerthema haben Sie im Vergleich zu anderen Anlagemarktplätzen wirklich gut gelöst. Das ist denke ich auch vielen unserer Nutzer aufgefallen. Ich bin selbst Kunde bei Ihnen und kann die positiven Erfahrungen anderer Anleger definitiv bestätigen. Ruhen Sie sich auf diesen Lorbeeren aber nicht aus! Die Konkurrenz schläft nicht 😉

 

Wagen Sie für uns doch einmal einen Blick in die Zukunft? Wie wird sich die Geldanlage und Finanzwelt in den kommenden 10 Jahren verändern? Wird die Filialbank komplett aussterben und werden Geldanlagen zukünftig nur noch über Portale wie WeltSparen erfolgen?

Zehn Jahre ist eine lange Zeit, aber ich wage dennoch einen Blick in meine Glaskugel. Ich erwarte, dass Banken zunehmend zu Transaktionsabwicklern verkommen. Früher haben Sie bei Ihrer Sparkasse Festgeld angelegt. Heute machen Sie das über einen Anlagemarktplatz wie WeltSparen, der mit der Raisin Bank als kaum sichtbarer Dienstleister im Hintergrund die Transaktionen abwickelt. Filialbanken werden eine seltene Ausnahme sein, vor allem außerhalb der Ballungszentren.

Die Hürden für den Wechsel von Konten werden weiter sinken und das Hin-und-Herspringen zwischen unterschiedlichen Banken und Anlageprodukten dadurch noch schneller und einfacher. Heute legen Sie bei Bank X an, morgen vielleicht schon bei Bank Y, und das Ganze ohne erneute Kontoeröffnung und ohne den lästigen Papierkram. Vielleicht wird sich auch die Steuerproblematik bis dahin gelöst haben und wir können ohne lästige Ansässigkeitsbescheinigungen in der ganzen EU ohne Hürden Geld anlegen.

Soweit meine positive Sicht auf die Zukunft. Weniger positiv sehe ich die Entwicklungen an den Finanzmärkten allgemein. Die Kombination von hohen Schulden, sich wandelnder Demografie und der zunehmenden internationalen Konkurrenz wird es schwer machen, hohe Renditen zu erzielen. Umso mehr gilt es, sich auf die Kernwerte des Menschen zu konzentrieren, wozu ich im Kontext der Vermögensbildung vor allem die persönliche Arbeitskraft zähle. Wir werden uns zunehmend fragen müssen, was wir noch schaffen und leisten können, das ein chinesischer, indonesischer oder kolumbianischer Arbeiter nicht für einen Bruchteil des Lohnes tun könnte.

 

Herr Erlich, wir danken Ihnen vielmals für das Interview.